#2 Partizipation – lästige Pflicht oder kreatives Privileg?

Laut Verfassung leben wir in einer Demokratie, in der es prinzipiell jedem möglich ist, seine Stimme zu erheben, sich eine Meinung zu bilden und diese zu teilen – der partizipatorische Gedanke ist also schon im Grundgesetz verankert, denn sowohl die Meinungsfreiheit als auch der Gedanke des Sozialstaates beruhen auf Teilnahme am politischen, öffentlichen und gesellschaftlichem Geschehen.

Dass das in der Realität oft anders aussieht, als auf dem Papier, sei dahingestellt. Schlagworte wie Politikverdrossenheit, Ellbogengesellschaft oder Ignoranz durchziehen den gesellschaftlichen Diskurs und lassen es oft so wirken, als ob wir lediglich passive Rezipienten von den Entscheidungen einer Obrigkeit wären, die vom wahren Leben keine Ahnung haben, realitätsfremde Entscheidungen treffen und mit den Steuergeldern sowieso völlig undurchsichtig haushalten. Was hat das noch mit Teilhaben zu tun?,  fragt sich manch einer.

Wenn man aber davon ausgeht, dass der Grad und die Qualität einer Demokratie im Wesentlichen von der Kommunikation der in dieser Demokratie lebenden Individuen abhängt, bekommt das Ganze eine andere Richtung: Dann wird deutlich, dass wir aktiv teilnehmen und teilhaben können. Denn nun bewegen wir uns nicht mehr auf einem rein politischen Feld, sondern schließen die private, individuelle Ebene ein. Schließlich bedeutet Demokratie nicht nur Teilhabe am politischen Geschehen, sondern eben auch freie Gestaltung seiner Lebenswelt und damit einer Partizipation, die in der Kommunikation begründet liegt.

Das bedeutet im Klartext: Die demokratische Verfassung bildet die Basis für die freie Meinungsbildung und damit für Kommunikation, die wiederum die Grundlage aller partizipatorischen Prozesse darstellt. Die Qualität dieser bestimmt letztendlich die Qualität partizipatorischer Prozesse: Ohne Kommunikation keine Partizipation. Letzteres ist entscheidend für die Gestaltung unserer demokratischen Lebenswelt:

 

 

Kommunikation ist tragende Basis für gesellschaftliche und damit für soziale Beziehungen – dabei verstehe ich unter Kommunikation nicht nur die im Grundgesetz verankerte Meinungsfreiheit, sondern auch zwischenmenschliche Beziehungen, die auch oder vor allem die nonverbale Kommunikation einschließt: Drängeln vor der Bahn, genervtes Warten an der Kasse, laute Nachbarn, rücksichtslose Autofahrer,…..die Palette kann beliebig fortgesetzt werden. Was will ich damit sagen? Dass ich die eingangs erwähnten Schlagworte Ellbogengesellschaft und Ignoranz bestätigt sehe? Zum Teil. Aber eben auch die These, dass die Qualität der Kommunikation die Qualität der Demokratie, in der wir ja nun mal leben, bestimmt.

Hier greift der partizipatorische Gedanke: Wenn wir nicht nur bloße Rezipienten von Meinungen anderer sind, wenn wir nicht nur auf Dinge reagieren, sondern uns agieren, an Meinungen und Vorstellungen teilhaben und im Gegenzug teilhaben lassen, dann findet neben einer  gesunden Kommunikation auch Partizipation statt.

Partizipation und Kommunikation stehen also in Wechselwirkung zueinander: Der Grad der Kommunikation bestimmt den Grad der Partizipation und umgekehrt. Diese Wechselbeziehung der beiden Faktoren zueinander bestimmt wiederum das die Qualität des sozialen Lebens und damit die Gestaltung unserer Lebensumwelt:

 

 

Partizipation bedeutet also nicht nur eine lästige Pflicht des mündigen Bürgers, sich gefälligst an Wahlen zu beteiligen und politische Vorgänge irgendwie zu verfolgen, um sich eine Meinung zu bilden, sondern ein Privileg, eine Chance und Möglichkeit, seine Lebensumwelt aktiv zu gestalten.

 

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