#3 Partizipation – Umdenken!

Was bisher geschah: Die demokratische Ordnung unseres Staates und damit die Meinungsfreiheit wurde als Basis und Wegbereiter für die aktive Teilhabe an öffentlichen Prozessen definiert. Das leuchtet irgendwie ein und wurde seit dem Aufkommen der ersten Partizipationswelle in den 70ern bis zum zweiten großen Partizipationsdiskurs in den 90ern so praktiziert.

Ob auf politischer Ebene Demonstrationen oder in der Kunst der Boom von Happening, Performance und Fluxus – irgendwie war plötzlich überall das aktive Mitmachen und Mitreden und das Kundtun seiner Meinung gefragt. Ist es da nicht verständlich, wenn jetzt manch einer laut seufzt und das Thema Partizipation für ausgereizt befindet? Ja und nein.

Wenn wir Teilhabe weiterhin als bloßes Mitreden und Mitmachen zu vorgegebenen Themen, Aktionen und Entscheidungen verstehen, die unter der Obhut eines Vaters stehen, vielleicht. Aber die Zeiten haben sich geändert – ein Umdenken ist fällig.

Partizipation umfasst weitaus mehr, als die Teilhabe an Entscheidungsprozessen – sie ist die Basis für eine nachhaltige Gesellschaft. Und diese ist vor dem Hintergrund des globalen Wandels mehr denn je gefordert:

1992 wurde mit dem Beschluss der Agenda 21 das Konzept der nachhaltigen Entwicklung als globales Leitbild formuliert und damit eine neue Ära der Partizipation eingeleitet – im Hinblick auf den globalen Wandel stehen wir alle vor  neuen Herausforderungen auf ökonomischer, ökologischer, sozialer und kultureller Ebene.

Das Stichwort Nachhaltigkeit ist in aller Munde – man könnte fast schon meinen überstrapaziert. Aktuelle Geschehnisse wie Fukushima, die Debatte um Genfood, der Klimawandel oder der Wiesenhofskandal zeigen aber, dass das Thema Nachhaltigkeit nicht an Relevanz verlieren darf. Im Gegenteil – es müssen neue Wege eines Umweltverständnisses gefunden und damit einhergehend ein tiefgreifender Bewusstseinswandel vollzogen werden. Das meint nicht nur den Konsum von Bioprodukten oder die Umstellung auf Ökostrom, sondern eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Verständigungs- und Gestaltungsprozesse. Genau hier setzt das Verständnis einer neuen Partizipationskultur an:

Wir sind in einer Zeit angekommen, in der wir Entscheidungen und die Gestaltung unserer sozialen Umwelt selber in die Hand nehmen sollten und den Mut für Verantwortung aufbringen müssen. In der es nicht mehr nur darum geht, an Entscheidungsprozessen teilzuhaben, sondern die Prozesse und die Themen selbst zu gestelten. Ellbogengesellschaft war gestern. Empathie und die Sensibilisierung für meine Umwelt sind das Credo, unter dem die neue Partizipationskultur steht.

Nur wenn wir bereit sind, unser Verhalten auf nachhaltige Weise neu zu gestalten, kann sich dies auch in globaler Hinsicht auswirken. Hierfür sind neue Kompetenzen erforderlich – allen voran eine Gestaltungskompetenz, die zu Perspektivwechsel, Kooperationsfähigkeit, selbstständigem Handeln und Empathie befähigt.

Partizipative Projekte können dazu beitragen, diese Gestaltungskompetenz nicht nur zu vermitteln, sondern erfahrbar werden zu lassen. Das ist Aufgabe der neuen Partizipationskultur: Projekte so anzulegen, dass Gestaltungskompetenzen gefördert und erfahren werden können. Es geht hierbei weniger um das Erreichen eines bestimmten Ziels, sondern um die Gestaltung des Projektprozesses, seinem Verlauf.

Wenn partizipative Projekte diese Kompetenzen im Fokus haben und es nicht mehr ein bloßes Mitspracherecht geht, können sie einen wichtigen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung leisten.

Genug Futter fürs Gehirn. Das nächste Häppchen folgt in Kürze. Ich wünsche fröhliche Verdauung.

 

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